Irina Ruppert "Rodina" 24 Nov – 21 Dec 2012

Irina Ruppert
Rodina


Ausstellung 27.11. - 21.12.2012
Eröffnung 24.11.2012 ab 18 Uhr

Die Galerie Kominek freut sich sehr, als Abschluss des Jahres 2012, eine Einzelausstellung von Irina Ruppert (*1968 in Aktjubinsk/Kasachstan) zu präsentieren.

Die ausgestellten Fotografien aus der Serie "Rodina" (die russische Vokabel für Heimat) führen uns auf eine Spurensuche. Was bedeutet Heimat? Ist sie ein geografisch fassbares Gebiet? Ein Gefühl, eine Sehnsucht? Das Bedürfnis nach Verankerung und Zugehörigkeit? Vielleicht, wie Edgar Reitz sagt, auch immer etwas Verlorenes?



Irina Ruppert hat sich auf die Suche gemacht nach den inneren Bildern, die sie begleiten, seit sie 1976 im Alter von sieben Jahren mit einem Teil ihrer Familie von Kasachstan nach Deutschland übersiedelte. Auf einer autobiografischen Reise durch Osteuropa, die sie nach dem Zusammenbruch der UdSSR begann, bewegte sie sich auf den Pfaden ihrer Vorfahren und spürte ihren traditionellen Wurzeln nach. Zwischen 2006 und 2010 fotografierte sie verschiedene Orte in Russland, Bulgarien, Rumänien, in der Ukraine und der Slowakai, in Polen und in Kasachstan. Ihre Heimatstadt und die Veränderungen, welche diese seit dem Ende des Sozialismus durchlaufen hat, haben bei ihr tiefgehende Eindrücke hinterlassen. “Es schien als wäre alles, was mit der russischen Vergangenheit zu tun hatte, einfach von einem Tag auf den anderen ausgelöscht worden”, sagt die Fotografin. "Das kyrillische Alphabet und die russische Sprache waren verschwunden. Alte russische Statuen von Lenin und Stalin bekamen lange Bärte und ihre Namen wurden durch kasachische Persönlichkeiten ersetzt." Trotz der Veränderungen verstärkt sich auf ihren Reisen das Gefühl von Heimat: "Das Verhalten der Leute ist mir sehr vertraut. Die Menschen im Osten sind extrem in ihren Gefühlen und ihrem Verhalten. Es geht immer darum, zusammen zu sein. Normalerweise reise ich alleine, aber im Osten bist du nie alleine." (Zitiert aus: Time Light Box N.Y., Javier Sirvent, 07/12)

Gefunden hat sie ausdrucksstarke und gefühlvolle Bilder, die sich wie Erinnerungsfragmente aneinanderreihen, wie vereinzelte Impressionen, die durch ihre Intensität und Eindringlichkeit im Gedächtnis haften geblieben sind: das leuchtend rote Blut eines geschlachteten Huhns; ein Flugzeug gestrandet inmitten einer Wohnsiedlung; eine Trauergemeinde auf einer vertrockneten Wiese, die sich um einen offenen, mit Spitze ausgelegten Sarg versammelt. Jede der Fotografien steht für sich, für ein Puzzlestück in der lückenhaften Biografie. "Keine Logik verbindet sie, kein Sinn, nur die Tatsache, dass sie gerade mir widerfahren sind." So heißt es in Andrzej Stasiuks Fado und so trifft es auch auf die Arbeit Rodina zu. In Irina Rupperts Momentaufnahmen spiegelt sich das aus der Ferne mit Wehmut betrachtete Herkunftsland.

Ein Land mit fließenden Übergängen, das aus leuchtenden Farben und gemusterten Stoffen, aus dem atmosphärischen Zusammenspiel von Licht und Schatten besteht. Es ist die andere, poetische Seite einer Region, die nicht selten mit Armut, Obdachlosigkeit oder Krankheit in Verbindung gebracht wird. Auch in Irina Rupperts Fotografien ist das Leben ländlich und ursprünglich. Sie zeigt jedoch die Schönheit und Ästhetik, die darin liegt und konzentriert sich auf die Eindrücke, die sie über die Jahre geprägt und begleitet haben. Rodina bringt ihre bisherigen fotografischen Arbeiten auf einen gemeinsamen Nenner, in dem die Essenz ihres künstlerischen Schaffens spürbar wird: die Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Erinnerung und den osteuropäischen Wurzeln. Die Suche nach den Bildern, in denen die verlorene Heimat wieder greifbar wird. (Text: Sophia Greiff)

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engl.

 

Irina Ruppert – Rodina

Memories of a childhood, walking barefoot over green hills, feeling the hair and the clothes blowing in the wind.  Pausing at this imaginary border, where an unknown world starts and which is a bit too far away from the parents’ house.  Watching the grandmother who is looking out of the window – deep in thought, the sun on her face traces her wrinkles.

Thinking back, many years later and thousands of kilometres away of this indeterminate place called home.  What is left are colours and smells, objects and faces, sounds and the particular mood of the light.  Reflecting about home, is it a geographically tangible territory, a feeling or longing, or the want for staying and belonging?  Maybe it can also mean, as Edgar Reitz says, home is always something lost.

The photographer Irina Ruppert set out on a search for the images of her memories.  Images that have been carried in her mind since she was seven years old and moved with her family from Kazakhstan to Germany.  On an autographical journey through Eastern Europe, she traced the paths of her ancestors and uncovered her traditional roots. What she found are expressive and emotional photographs stringing together like memory fragments, like sporadic impressions, which had been stuck in her memories due to their intensity and forcefulness: the vibrant red blood of a slaughtered chicken; an aeroplane stranded in the middle of a residential area; mourners on a withered meadow that have gathered around an open lace-lined coffin. Each photograph stands by itself, for a piece of puzzle in a patchy biography. “There is no logic connecting them, no sense, only the fact that they happened just to me”, writes Andrzej Stasiuks in Fado. And that also applies to the work Rodina. Irina Ruppert’s snapshots reflect the country of her childhood seen from afar with melancholy – a country with fluid transitions, consisting of vivid colours and patterned fabrics, of the atmospheric interplay of light and shadow.  It is the other poetic side of a region, often associated with poverty, homelessness and sickness. Also Irina Ruppert’s photographs show a rural and original life. She shows however the beauty and aesthetics, focusing on the impressions that have been with her and shaped her over the years. Rodina takes the photographer’s works to a common denominator, where the essence of her artistic creativity is perceptible: the confrontation with the past, memories and the Eastern European roots - a search for images that make a lost home tangible again. (Text: Sophia Greiff)